„Es braucht alle CO2-neutralen Energieträger, um den Klimawandel zu stoppen“

Kommentar von Kirsty Gogan,
Umweltaktivistin und Mitgründerin von Energy for Humanity

Gegen Atomkraft zu sein ist für eine Umweltaktivistin eigentlich ein Muss. Dennoch setze ich mich seit Jahren dafür ein, dass die Atomkraft als Teil der Lösung der Klimakrise gesehen wird. Denn unsere globalen Klimaziele sind nur erreichbar, wenn wir auf der ganzen Welt die Energieerzeugung aus fossilen Energieträgern entschieden bekämpfen.

Ich bin Mutter von kleinen Kindern in London. Mein grösster Kampf gilt dem Klimawandel. Denn ich möchte nicht, dass meine Kinder aufwachsen und mich später fragen, warum ich nicht alles getan habe, um den sich beschleunigenden Klimawandel zu verhindern. Ich sehe mich in der Verantwortung, alles daran zu setzen, den Klimawandel so schnell wie möglich zu stoppen. Dazu gehört für mich, auch auf unpopuläre Massnahmen und Energiequellen zu setzen. Ich bekenne mich darum trotz oder gerade wegen meines Bekenntnisses zum Umweltschutz für die Kernenergie. Nicht aus Überzeugung, aber aus mangelnden Alternativen und einer Abwägung von Vor- und Nachteilen.

Verheerende Konsequenzen des Klimawandels
Der Klimawandel ist für mich aus umweltpolitischer Sicht die grösste Gefahr – weit grösser als die Abfallproblematik der Kernenergie. Die Temperaturwerte steigen weltweit an. Das führt zu extremen Wetterereignissen und zunehmenden humanitären Krisen. Schlimme Dürren und Überschwemmungen verschlechtern die Nahrungsmittelproduktion in armen Gebieten. Die Luftverschmutzung nimmt kontinuierlich zu. Diese Probleme müssen wir anpacken und lindern. Hier stehen wir alle in der Verantwortung.

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Wie aber können wir diese Probleme lösen? Was kann eine Einzelperson ausrichten? Wie schaffen wir es, dass die Erderwärmung nicht mehr als 2°C ansteigt? Die Antwort ist wissenschaftlich bereits seit Jahren bekannt; wir müssen alles daran setzen, fossile Brennstoffe zu reduzieren und mit sauberem Strom zu ersetzen. Das heisst Energieeffizienz und Fokus auf Wasserkraft, Photovoltaik, Wind – und Kernenergie?

Kernenergie darf aus Klimaschutzgedanken nicht verteufelt werden
Ich muss zugeben, dass ich mir schwergetan habe, Kernenergie in diese Liste aufzunehmen. Als Umweltaktivistin war es tief in mir verwurzelt, gegen Atomkraft zu sein. Es hat lange gedauert und viele Gespräche und Recherchen benötigt, bis ich den Daten und Fakten der Kernenergie vorbehaltlos gegenübertreten konnte. Ich habe die Lücken zwischen Ideologie und Fakten hinterfragt. Ich habe die Risiken der Kernenergie mit den Risiken des Klimawandels verglichen. Und ich habe meine Meinung geändert. Es ist nicht einfach, seine Meinung zu ändern. Besonders nicht bei diesem emotionalen und in der Gesellschaft kontrovers diskutiertem und negativ assoziiertem Thema. Ich fühlte mich plötzlich wie eine Aussenseiterin in meinem Freundeskreis. Und dennoch. Ich war und bin überzeugt davon, dass es das wert war und ich richtig handelte.

Wahl zwischen Pest und Cholera?
Mittlereile bin ich nicht mehr alleine. Wegen des Klimawandels anerkennen mehr und mehr Menschen den Nutzen der Kernenergie. Die Frage, ob diese Technologie ein Teil des klimaschonenden Energiemix der Zukunft sein soll, führt aber zu Spannungen in der Umweltbewegung. Viele sehen es als eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Dennoch ändern ehemalige Kernkraftgegner ihre Meinung, da sie sehen, dass die Strahlungsängste (hier empfehle ich das Studium der WHO-Berichte zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Tschernobyl und Fukushima) teilweise übertrieben sind und die Gefahr des Klimawandels gleichzeitig unanfechtbar geworden ist. Die Daten und Fakten sprechen für die Kernenergie, eine gleich leistungsstarke und umweltfreundlichere Alternative gibt es (noch) nicht.

Das Problem des Klimawandels zu lösen ist eine moralische Verantwortung und dringlich. Unsere Generation hat die Chance etwas zu bewirken, wenn wir jetzt handeln. Wissenschaftler sehen die Gefahr von permanenten Veränderungen als wahrscheinlich an: Schmelzende Gletscher und Polkappen, zu rasche Veränderung der Ökosysteme, auf denen unser gesamtes Leben basiert. Auch wenn wir es in Europa bis anhin nicht unmittelbar spüren, früher oder später werden wir mit den Konsequenzen des Klimawandels konfrontiert.

Kampf gegen Klimawandel wichtiger als Ideologien
Darum gilt es jetzt wo immer möglich zu Handeln. Von der Kernenergie will die Schweiz in Zukunft absehen. Warum nicht? Wenn die Schweiz es schafft, zukünftig vollkommen auf Erneuerbare Energien zu setzen, es wäre ein Vorzeigeprojekt! Aber bis es soweit ist und diese Kapazitäten ausgebaut sind, sollte die Kernenergie beibehalten und keine Gaskraftwerke gebaut oder Braunkohle-Produktion in Deutschland gefördert werden. Klimawandel ist ein globales Problem. Wir müssen weltweit mit allen Mitteln und Möglichkeiten, die wir zur Verfügung haben, dagegen ankämpfen. Ich bin gespannt auf den Ausgang der Volksabstimmung in der Schweiz. Kämpfen wir gemeinsam dafür, dass unsere Kinder und alle nachfolgenden Generationen in einer guten und sauberen Welt aufwachsen können.